Stadt ohne Strom – Blackout Teil 2

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Am 4. November 2006 ging wegen menschlichen Versagens in Europa das Licht ohne Vorwarnung aus. Ein Abstimmungsfehler führte um 22.10 Uhr zu einem großräumigen Stromausfall. Auslöser war eine mangelhaft geplante und nicht ausreichend kommunizierte Abschaltung von Hochspannungsleitungen in Niedersachsen für das Auslaufen eines Kreuzfahrtschiffs. In einer Kettenreaktion gingen daraufhin gleich mehrere Leitungen vom Netz. Etwa 15 Millionen (!) Menschen waren in Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, Österreich und Spanien mehrere Stunden ohne elektrische Energie. Wie schon in der letzten Ausgabe von Wels im Bild berichtet, ist die Blackout Liste lange und ließe sich noch beliebig fortsetzen. Im zweiten Teil unserer Reportage haben wir die Situation in Wels abgefragt.

Da unser Leben normalerweise auf einer ausreichenden Stromversorgung basiert, werden alltägliche Abläufe bei einem Blackout zu einer Herausforderung. Heizung, Kühlschrank, Licht, Radio, Fernseher, Internet, Telefon – das alles braucht Strom. Die Einsatzorganisationen stoßen rasch an ihre Grenzen, da sie durch die fehlende Rekrutierungsmöglichkeit der Mitarbeiter selbst betroffen sind. Das allgemeine Gefahrenpotenzial steigt. Die Treibstoffversorgung und Kommunikation bricht zusammen, der Verkehr kommt ohne Treibstoff und auf Grund von Unfällen rasch zum Erliegen. Im Bereich der Lebensmittelversorgung fallen die Kühlungen aus, die Kassen stehen still, Einkäufe können nicht verrechnet werden. Selbst die Wasserversorgung, sowohl für den Koch- und Trinkbedarf als auch für den Hygienebedarf, ist in vielen Regionen nicht mehr gewährleistet. Die medizinische Versorgung wird ebenfalls nicht mehr im vollen Ausmaß zur Verfügung stehen.

Das Bundesheer kennt seine Schwächen in Bezug auf das autarke Funktionieren. Deshalb brachten die Generäle in den Verhandlungen für das aktuelle Regierungsprogramm auch zwei entscheidende Forderungen durch: Die Stärkung der allgemeinen Autarkie von Kasernen und den Ausbau bestimmter Kasernen zu sogenannten „Sicherheitsinseln“, die in Krisensituationen wie einem Blackout die regionale Durchhaltefähigkeit deutlich erhöhen. Darunter fallen insgesamt zwölf Standorte in Österreich. In Oberösterreich ist der Fliegerhorst Vogler in Hörsching dazu ausersehen, im Krisen- oder Katastrophenfall die „regionale Durchhaltefähigkeit“ aufrecht zu halten. So lautet jedenfalls der Plan. Draußen im Feld, so bezeichnen Soldaten gerne die weniger gut planbare Realität, sieht es offenbar nicht so gut aus. 

Notfallszenario in Wels

Wahrscheinlich besser vorbereitet und schlagkräftiger zeigen sich die kleinstrukturierten, privaten Organisationen. Im ultimativen Krisenfall bei einem Blackout würde sich das Rote Kreuz auf seine „Rettungsleitstelle Hausruckviertel“ gegenüber dem Klinikum konzentrieren: Dort werden die Kräfte für Wels-Stadt, Wels-Land und Marchtrenk zusammengezogen. Die Leitstelle selbst ist für drei Tage stromautark. Kleinere, mobile Notstromaggregate sind für Rettungseinsätze vorgesehen. Als größte Unwägbarkeit sieht Bezirksrettungskommandant Andreas Heinz das Szenario: „Die Leitzentrale funktioniert, aber die Mitarbeiter können nicht anreisen.“

Dieses Problem hat Branddirektor Franz Humer von der Freiwilligen Feuerwehr Wels nicht vorrangig, denn in einem an die Hauptwache direkt angrenzenden Haus wohnen freiwillige Feuerwehrmänner, welche auch sonst das Einsatzaufkommen in der Nacht, am Wochenende und an Feiertagen abwickeln. Die Feuerwache ist vom Strom weitgehend autark, auch die Feuerwachen der Umgebung sind notstromversorgt. In ihrer eigenen Tankstelle bunkert die Welser Feuerwehr Treibstoff für einen einwöchigen Betrieb der Einsatzfahrzeuge. Ein eigener Brunnen mit 30.000 Litern Fassungsvermögen kann eventuelle Fehler im öffentlichen Wassernetz einigermaßen ausgleichen. Branddirektor Humer sieht als Hauptgefahrenquelle in der Phase 1 eines Blackout-Szenarios etwaige Autounfälle an nicht funktionierenden Ampeln oder in den unbeleuchteten Tunnels. In Phase 2 könnten Alarme durch batteriegestützte Brandmelder erfolgen, die meist nach 72 Stunden den Batteriebetrieb aufgeben. Von „gefährlichen“ Betrieben bleibt laut Humer Wels verschont: „Die meisten Produktionsstätten fahren bei Notstrombetrieb von selbst herunter. Es ist nirgends eine Kühlung notwendig, wie bei Atomkraftwerken.“

Im öffentlichen Wassernetz werden im Notfall punktuelle Fehler nicht auszuschließen sein. Doch die eww Gruppe als Wasserversorger profitiert in Wels von der günstigen topografischen Lage für eine mögliche Wasserversorgung ohne Strom. Die Wasserreservoirs in Thalheim würden nämlich bei Bedarf das Wasser auch mit Schwerkraft nach Wels liefern, zumindest bis in die Erdgeschoße. Obere Stockwerke bedürfen der Nachbarschaftshilfe. Kleinere Pumpstationen Richtung Roithen, Lambach, und Puchberg sind notstrom versorgt. Auch das Kanalnetz in Wels ist schwerkraftmäßig gebaut und sollte größtenteils ohne Pumpwerke funktionieren.

Auch bei der Polizei Wels wird das Rekrutieren der Mitarbeiter als ernstes Problem gesehen. Der stellvertretende Landespolizeikommandant Generalmajor Franz Gegenleitner dazu: „Wir werden im Krisenfall die „Golden Hour“, also die Zeit, in der die Kommunikation noch intakt ist, nutzen, um die Einsatzkräfte vorzeitig zusammenzuziehen.“ Die Treibstoffversorgung der Polizeifahrzeuge erfolgt österreichweit durch einen Vertrag mit der Asfinag. Fallen mit dem Strom die Tankstellen aus, müssen sich die Einsatzwagen, so sie denn mit Diesel betrieben werden, ihren Treibstoff an den Autobahnmeistereien der Asfinag holen. Diese sind nämlich autark. Der entsprechende Vertrag sieht jedoch vor, dass zuerst der Eigenbedarf der Asfinag zu decken ist. Die Polizei muss im Krisenfall also warten. „Man habe dieses Problem erkannt.“, sagt Franz Gegenleitner. Zug um Zug werden bereits stillgelegte Tankstellen, so etwa in der Linzer Landespolizeidirektion Gruberstraße, wieder aktiviert. In Wels ist die Autobahnpolizeiinspektion Wels Nord eine notstromversorgte Anlaufstelle. Auf etwaige entstehende Sicherheitslücken im längerfristigen Krisenfall verweist der hochrangige Polizeioffizier durchaus kritisch: „Ohne Strom werden die gültigen Sicherheitsstandards jedenfalls nicht zu halten sein.“