Tanz auf dem Vulkan: Track Test KTM X-Bow R

„Ready to Race“ ist nicht nur so ein Spruch. Bei KTM nimmt man sich das Hausmotto streng zu Herzen. Waren die bisherigen Versionen des KTM X-Bow mit dem 240 PS-Motor beileibe keine Kinder von Traurigkeit, offenbart sich der 300 PS starke Typ „R“ als reinrassiger Rennwagen mit Straßenzulassung. Hier steigerten die Mattighofener die Dynamik abermals dramatisch. Um den Leistungsschub in geordnete Bahnen zu lenken, wurden etwa Fahrwerk und Aerodynamikteile angepasst, die Verwindungssteifigkeit erhöht und das Ansprechverhalten der Lenkung verbessert.

Also genau das, was Franz Joseph Doppler bei seinem Track-Test Spaß macht! Für uns hat er folgendes in das Testfahrtenbuch notiert: 

Die scharf gezeichneten Bodypanels über dem Karbon-Monocoque und die winzigen, zusammengekniffenen Scheinwerferaugen lassen den KTM X-Bow wie ein überdimensionales Insekt aus vergangenem Erdzeitalter wirken. Ich fädle meine Beine in den engen Tunnel, stütze mich mit den Händen am Cockpit ab und lasse meinen Hintern in die dünn gepolsterte Sitzschale gleiten. Passt. Ist auch besser so, denn der „Sitz“ ist Teil des Monocoques und somit nicht verstellbar. Ein Zughebel unter dem rechten Knie entriegelt allerdings die stufenlos verschiebbare Pedaleinheit, die ich auf meine Beinlänge justieren kann. Als nächstes kommen die drei Steckzungen des Vierpunktgurts ins zentrale Gurtschloss und die straff gezogenen Schultergurte lassen mich mit dem Renner verschmelzen.

Bremsen mit Muskelschmalz

Kupplung und Bremse getreten, auf den Starknopf am Lenkrad gedrückt: „Der Sound, aus dem zweiflutigen Auspuff ist – ja richtig, wahrnehmbar. Absolut nichts Aufregendes. Kein dumpfes Grollen, kein Brüllen oder was man sonst der aggressiven Optik zuschreiben würde. Mit einem verhaltenen Fauchen erwacht die Audi-Maschine zum Leben, ich lege den ersten von sechs Gängen ein, fahre los und wundere mich, wie umgänglich der X-Bow sich gibt. Kein Schütteln, kein Ruckeln, der Motor nimmt ab Leerlauf willig Gas an und die Leistung lässt sich fein dosieren.

Erste Prüfung: Vollbremsung. Im dritten Gang erreiche ich die 100 km/h (in 3.9 Sekunden), ein gestreifter Pylon, der den vorsichtig gewählten Bremspunkt markiert, fliegt vorbei und ich steige voll aufs Pedal. Auch nicht dramatisch: Die Bremse braucht zwar deutlich mehr Kraft als in einem normalen Straßensportler, packt aber äußerst beherzt zu und bringt die Vorderräder in Nullkommanichts zum Blockieren. Jetzt bin ich froh, derart fest ins Cockpit geschnallt zu sein: Die Reifen krallen sich den Asphalt und bringen den KTM in kürzester Zeit zum Stehen. Wow! Also etwas Druck abbauen, bis die Räder sich wieder drehen.

Angriff auf die Nackenmuskeln

Auf die Höchstgeschwindigkeit von 231 km/h ist der kartartig zu fahrende, heckgetriebene 3,74-Meter-Wagen gar nicht ausgelegt, sondern auf maximale Kurvengeschwindigkeit und Querbeschleunigung. In der Tat sind auf der abgesperrten Strecke des Fahrtechnikzentrums geradezu aberwitzige Kurven zu fahren mit einem heftigen Angriff auf die Halsmuskulatur. Und vor allem: Kein Auto, das ich je gefahren habe, lässt sich so schön und vor allem leicht kontrollierbar driften. Natürlich braucht es Arbeit am Lenkrad, Tellerwäscher werden mangels Servounterstützung verzweifeln, aber die Kontrolle der Vorderräder ist – nicht nur dank der visuellen Unterstützung, man sieht die Federbeine arbeiten und die Einschlagswinkel der Räder – relativ einfach.

Der KTM X-Bow ist perfekt abgestimmt und liefert ein permanentes Feedback, auf das man sich wirklich leicht einstellen kann. Sein offensichtlichster Unterschied zum Formel-Rennwagen ist wohl, dass auch noch ein Beifahrer auf dem Nebensitz Platz finden kann. Vorausgesetzt, der Pilot will den Zusatzballast mit sich herumkutschieren. Die KTM-Ingenieure haben schließlich alles dafür getan, das Gewicht auf 790 Kilogramm zu drücken.

©Wels im Bild